Puerto Rico (Kanaren) November 1976

09-10-08

Friedel Klee mit Sextant

Die VAGANT an Kap Hoorn

 

 

 

 

 

S/Y VAGANT Ursel + Friedel Klee

Kurzbericht

   

Puerto Rico/Las Palmas im November 1976

Das Ende unserer Zwangspause in La Coruna begann mit einem Paukenschlag. Der Barograph zeichnete eine steile Kurve nach unten, so steil wie nie zuvor. Nachts (natürlich) brach das Unwetter mit derartiger Gewalt los, dass wir uns auf unserem Liegeplatz nicht mehr halten konnten.

So fuhren wir wieder in den inneren Hafen, wo er gewiss am drec­kigsten, aber auch am ruhigsten war und hängten uns an eine riesige Verholtonne, was sicher nicht der Hafenordnung entsprach. In der Nachbarschaft lagen aber schon einige Yachten. Darunter auch eine französische mit einem hervorragend spanisch sprechenden und schimpfenden Crewmitglied. Er konnte das Lamento am nächsten Morgen nicht nur mit einem ebensolchen erfolgreich beantworten (die begleitenden Gesten waren als Morgengymnastik nicht zu unterschätzen, sondern auch das neueste spanische Wetter verkünden: stationäres Tief vor Kap Finisterre (also gleich nebenan), auffüllend, dann südziehend, gefolgt von einer Periode guten Wetters mit NORD-Winden!!! Übermorgen, so meinte er, kann's losgehen. Fast zu schön, um wahr zu sein. ­

Bis "morgen" hielten wir es noch aus. Die Barographenkurve war steil nach oben geschnellt, ganz unten eine richtige Spitze hinterlassend. Ein - oder "das" - Tief musste direkt über uns hinweg gezogen sein. Noch keine gute Basis für einen schnellen Start, besonders, wenn man sich die Wolken ansah. Gewaltig, grauschwarz mit ganz scharfen Rändern zogen sie in verschiedenen Richtungen kreuz und quer daher. Richtig "heroisches" Wetter, wie man es Anfang dieses Jahrhunderts gern gewal­tigen Schlachtengemälden hinterlegte. Aber es war etwas in der Luft, ich weiß nicht was. Meine Nase meinte jedenfalls: es geht. Und es ging! Wir fuhren erst mit Maschine direkt in den Brei. Regen, Hagel, Blitze, Donner, Flaute, Böen bis 7; Richtung abrupt ändernd. Und dann: N O R D ! Wir zogen die Segel hoch, erst klein, schließlich volle Passatbesegelung mit 2 Genuas und liefen los. Kap Finisterre, Cap Silleiro, spanisch ­portugiesische Grenze, die Höhe von Porto mit einem guten Port gefeiert, Kap Mondego, Kap Silleiro, an Lissabon vorbei, ein Cap nach dem anderen abgehakt, nicht mehr umgesehen, bis wir am 4. Tag das großartige Kap Sao Vicente, die äußerste Südwestecke Europas rundeten. Sein Leuchtfeuer steht auf den wohlerhaltenen Bauten der ersten Seefahrtsschule der Welt, gegründet von Heinrich dem See­fahrer, der damit die Grundlage der damaligen portugiesischen Seemacht schuf.

Kurz hinter dem Kap ankerten wir auf der Reede von Lagos. Stadt und Hafen sind sehr alt, heute aber ohne Bedeutung. Die Flussmündung, die den Hafer bildet, ist so flach, dass sie nur bei Hochwasser angelaufen werden kann, Draußen lagen wir aber sehr gut, denn der Nord stand durch bis - ja bis nach einigen Tagen unser Freund „Jolly“ wieder zu uns gestoßen war, der uns in L'Aber Wrac´H verlassen musste. Da drehte Rasmus den Zeiger wieder andersrum. Wir gingen sofort ankerauf, als die Dünung aus Süd einsetzte, aber dann ging die Bolzerei schon wieder los. Zwei Tage gegenan als vorläufig abschließenden Denkzettel, bis die vereinten Windrichtungsprozente des Seehandbuches und der "Monatskarten des Nordatlantischen Ozeans“ wieder für vorschriftsmäßigen Nordost bis Nord sorgten. So erreichten wir in 5 Tagen Alegranza, die nördlichste der Kanarischen Inseln. Sie ist unbewohnt und trägt lt. Seehandbuch einen Vulkan. Tätig oder nicht stand nicht dabei, aber reingespuckt hatten wir schon gern einmal. Dafür haben wir dann eine Nacht hinter dem riesigen, kahlen Lavahaufen vor Anker gerollt, ohne Erfolg, denn die Dünung ließ eine Landung nicht zu. Hätten wir uns denken können.

So segelten wir dann nicht allzu fleißig in Tagestörns weiter, die Nachbarinseln entlang. Endlos zogen sich die Sahara-, Mond- und Mars­landschaften von 32 sm Lanzarote und 53 sm Fuertoventura hin, gefolgt vom 50 sm-Sprung nach Gran Canaria und einem 20 sm-Restchen bis Puerto Rico. Gemessen an Etmalen auf offener See sind das keine Entfernungen, die aufzuzählen sich lohnt. Unbewusst empfindet man die Kanarischen Inseln nun aber einmal als zusammenhängende, eng begrenzte Feriengegend, die per Reisebüro in wenigen Stunden erreichbar ist. Dorthin zu segeln erfordert aber, sich mit etwa 2.500 sm Nordsee, Kanal, Biskaya und Atlantik auseinanderzusetzen. Es ist ein weiter, herrlicher Weg. Wenn aber Alayranza im Nordosten erreicht wird, sind es noch 80 sm bis nach Hierro im Südwesten, dem äußersten Ende der vergangenen spanischen Welt. Nach der Erkenntnis, dass weiter nach Westen zu segeln nicht den Absturz über den Rand der Welt bedeutete, legte man damals dorthin einen Null-Meridian, wie er heute durch Greenwich verläuft. Wenn ich recht gehört habe, geht der der Sowjets inzwischen durch Leningrad - ein Omen?

Wir wollen jedenfalls in den nächsten Tagen einmal nachsehen, ob vom spanischen Ende der Welt noch etwas da ist. Und dann geht's raus, auf den Atlantik, wie all die Yachten, die hier jetzt jeden Tag mit dem Getute aller Nebelhörner verabschiedet werden.

Tschüß
      Ursel + Friedel