Leserbriefe von 1979

09-10-08

 

 

 

 

 

In den Unterlagen fand ich die nachfolgenden Leserbriefe aus dem "Flensburger Tageblatt" von 1979 (nach der ersten Weltumseglung)

Weltumsegler
Am 20.8. erschien in dieser Zeitung ein "Jubelbericht" darüber, daß ein Ehepaar "drei Jahre um die Welt gesegelt" ist. Wie mag wohl einem Tag für Tag arbeitenden Menschen, einem Arbeitslosen, oder gar einem Kleinrentner zumute sein, wenn sie so etwas lesen und sehen, Leuten also, über die niemand schreibt. Deren einzige Frage wäre wohl: Woher haben diese Weltumsegler" das Geld für ihre Eskapaden. Solche Herrschaften sollte man totschweigen, ihrer monetären Selbstbefriedigung überlassen und nicht noch beweihräuchern. Die Veröffentlichung dieser Angelegenheit war m. E. geschmacklos und - wieder einmal - Munition für die andere Seite.                         H. Bühmann, Langballig

 

Die Weltumsegler
Zu dem Leserbrief über "Weltumsegler" in der Ausgabe vom 23.8.1979:

Die Dinge liegen natürlich völlig anderes, als Leser Bühmann, Langballig, glaubt annehmen zu müssen. Zufällig kenne ich das Ehepaar Klee seit Jahrzehnten. Fr. Klee ist Angestellter der Bootswerft Dehler, die so bekannte Typen wie "Varianta", "Delanta" und "Optima" herstellt. Mit dem größten Typ, der "Optima" (9 m lang), haben die Klees nun gleichsam als harten Eroberungstest eine Weltumseglung durchgeführt. Welche Energie, Kondition, welch Leistungs- und Durchhaltewillen für einen Mann vom Alter Klees (57 J.) dazu nötig sind, müßte Herr Bühmann als Küstenbewohner eigentlich bekannt sein. Die Reise erfolgte sicherlich im Auftrag der Dehler-Werft, die natürlich an solch einer langen und harten Testfahrt interessiert ist.

Aber selbst wenn es andres wäre, in unserer noch freien Gesellschaftsordnung muß es jedem selbst überlassen bleiben, wie und was er mit seiner Zeit macht! Auch in den Ostblockstaaten gibt es Weltumsegler, die jedoch mit staatseigenen Jachten zum Ruhme ihrer Vaterländer diese Fahrten durchführen.

Dr. A. Lambardt, Unna (Westf.)

 

Die Weltumsegler
Über den Leserbrief des Herrn Bühmann, Langballig (Ausgabe vom 23.8.), zu den Berichten über unsere Weltumseglung wundern wir uns kaum, denn einige Zeitungen berichten falsch, und er kann nicht wissen, daß uns der Rummel recht peinlich war. Uns tröstet nur, daß offenbar eine Menge Leute Spaß daran hatten.

Um die Welt zu segeln, ist weder eine Sensation noch eine "Leistung", wie man sie in Deutschland versteht, sondern einfach herrlich. Uns ganz unmittelbar mit der Natur auseinanderzusetzen und fremde Länder mit ihren Menschen als Gast sozusagen "zu Fuß" erleben zu dürfen, hat uns, so hoffen wir, bescheidener, dankbarer und toleranter gemacht. Wir haben freilich auch erlebt, daß man sich in den weitaus meisten Ländern mit den Problemen, die dem Leserbriefschreiber so sehr am Herzen liegen, auch nicht annährend soviel Mühe macht wie hier; von ein paar "primitiven" Völkern abgesehen, die wir Weißen noch nicht allzu sehr durcheinander gebracht haben.

Im übrigen haben wir beide hart gearbeitet, viele Jahre lang gespart (was immer auch eine große Wochenzeitung darüber schrieb) und kein Haus gebaut, wie es deutsche Tugend wohl erfordern mag; Zweitwagen, Juwelen, Pelzmäntel und dergleichen brauchen wir nicht.

"Niedriger hängen!" soll der Alte Fritz gesagt haben, als ein gegen ihn gerichtetes Pamphlet für bequemes, allgemeines Lesen zu hoch hing.

Ursel und Friedel Klee, Freienohl

 

Fader Geschmack
Es wäre schade, wenn der Leserbrief "Weltumsegler" ohne ein Echo zu hinterlassen, verklingen würde. Als Berufsseemann fühle ich mich einer der angesprochenen Gruppen zugehörig und bin Herrn Bühmann für seine Überlegungen sehr dankbar. Mit mir sind auch alle anderen Kapitäne meines Berufes sehr stolz darauf, daß wir unsere seemännische Ausbildung für den Besuch der Navigationsschulen durch Ableistung der geforderten Segelschiffahrtszeiten unter sehr schweren Bedingungen erwarben. Meine Ausbildung begann im Jahr 1911, vier Jahre lang auf Tiefwasserseglern. Im Jahre 1913 musterte ich - noch sehr jung - als vollwertiger (A-B) (Ä-Bi) = (abelbodied) = Vollmatrose auf einer Viermastbark mit einer mixed crew - Mannschaft vieler Nationen , Kommandosprache daher nur in englisch.

Die Fahrt mit Kohlen ging von Antwerpen via Cardiff-England nach der Westküste Südamerikas. Rückfracht eine Ladung Salpeter.

Die westliche Umrundung von Kap Hoorn, der Südspitze Südamerikas, forderte der gesamten Besatzung auch das Letzte an Willenskraft ab. Schwere aufeinander folgende Orkane trieben uns, im Bemühen West gutzumachen, bis in die Nähe der Südpolareisgrenze. (Hier Hochsommer, dort tiefster Winter). Endlich nach sechs Wochen Kampf konnten wir Nordkurs halten, um in sanftere Gefilde zu kommen.

Diese Erfahrungen berechtigen mich wohl, einige Worte zu den "Jubelberichten" zu sagen. - Beim Lesen dieser stieg in mir ein fader Geschmack auf, und ich bekam Hemmungen, mit Laien über meine Seefahrerzeit zu sprechen, um nicht als Angeber dazustehen.

Ein Orkan, zu richtiger Zeit am richtigen Ort, fegt im Nu ohne Ansehen der Person, des Geldsackes und der Reklamesucht die Spreu von der Wasseroberfläche. Und welche ungeheuren Anstrengungen müssen dann gemacht werden, um die restliche Spreu einzusammeln. Um zu ermessen, welche ungeheuren Opfer der beruflichen Schifffahrt auf allen Meeren abgefordert wurden, kann ich allen zweifelnden Laien das Buch "Ehrenmal deutscher Seeleute", herausgegeben von der Seeberufsgenossenschaft, oder noch besser das in englischer Sprache geschriebene Buch "The War of Cap Hoorn" von A. Villiers empfehlen. (Unklar ist mir, wie ein Jachtsegler bei Orkan eine Wellenhöhe von 15 Metern - wie im Rundfunk berichtet, messen kann.)                                      Bruno Heise; Flensburg

 

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Leserzuschrift "Fader Geschmack"

Guten Tag Herr Kapitän Heise,

schade, daß wir Ihre Zuschrift nicht früher gelesen haben, dem Ihnen zu antworten, ist uns wichtig, weil wir die Einstellung vieler Berufs-Seeleute zu Fahrten mit kleinen Booten über See kennen. Vieler - aber nicht aller; unsere Freunde in Ihrem Beruf wissen sehr wohl zu unterscheiden. Wer sich im Kreise der Fahrtensegler oder "Yachties" . ("Hochseesegler" und ähnliche hochgestochene Bezeichnungen klingen für uns eher ironisch) auch nur ein wenig auskennt, weiß, daß die Meisten sehr bescheidene Leute sind, die hohe Achtung vor der Natur haben und einen Heidenrespekt vor der See; "Rekord- und Reklamesucht" sind ihnen ein Greuel. Und: sie kennen ihr Metier wie Sie Ihres.

Bitte glauben Sie uns: die Leute, die wir meinen, und zu denen wir uns vielleicht zählen dürfen, fahren nicht einfach drauflos, denn für sie besitzt ein guter Seemann immer noch 10% Wissen, 89% Erfahrung und nur 1% Wagemut. Die Boote sind zwar sehr verschieden, aber meist praktisch und gut ausgerüstet und - wie Erfahrungen zeigen - auf ihre Art seetüchtiger als mancher billige Seefahrt treibender Rosteimer. Sie nutzen die gesammelten Erfahrungen vieler Generationen segelnder Seeleute ebenso, wie Beobachtungsergebnisse moderner Satelliten, sie navigieren - meist ohne elektronische Krücken - mindestens so genau wie früher, bestimmt aber schneller und einfacher. Sie kennen die Leistungen und Entbehrungen der Seeleute früherer Generationen, soweit das aus Büchern nur möglich ist. Sie bewundern sie als Vorbilder - sind aber dankbar für sinnvollen Fortschritt, den es früher ja schließlich auch gab, denn er erspart ihnen viele Härten und Entbehrungen.

Den "Orkan zur richtigen Zeit am richtigen Ort" sollte es deshalb für einen modernen Ozeansegler nicht geben, denn er kennt genügend Informationen über Häufigkeit, Zugbahnen und die Notwendigkeit, bestimmte Gebiete zu bestimmten Zeiten zu meiden. Er richtet sich danach, denn seinen Fahrplan bestimmt die Natur, nicht eine Reederei.

Ein Orkan zur falschen Zeit am falschen Ort aber fegt oft nicht nur die Spreu von der See. Diese Spreu kommt sogar nicht selten besser davon, als manches Schiff höchster Seetüchtigkeitsklasse, eben  weil sie leicht und klein ist.

Im übrigen können wir weder über '"Orkane mit 15 m Wellenhöhe" berichten, noch über die Yacht-Tragödie im Atlantik vor der irischen See urteilen, denn die Einstellung der Hochsee-Rennsegler zur See und ihre Art, darauf herumzufahren, ist uns fremd.

Bitte glauben Sie uns das, Herr Kapitän, und spülen Sie Ihren faden Geschmack diesmal mit einem anständigen Schluck runter.

Mit freundlichem Gruß
U. + F. Klee