Klee und die Angst

09-10-08

 

 

 

 

 

Bei jedem Gespräch über unsere Reise werden wir gefragt: Habt Ihr mal Angst gehabt? - Wir möchten dann am liebsten mit einem schlichten "ja" antworten, denn dieses kurze Wort, mit ernster, wissender Miene gesprochen, klingt ja so ehrlich. Es bringt Weltumsegler, die ja offenbar etwas ungewöhnliches tun, wieder auf normales Maß - und zeigt zur gleichen Zeit, daß er doch ein wahrer Held ist, der angesichts dreuender Gefahren mit schlotternden Knien und jagendem Puls entschlossen gehandelt hat.

Leider ist es so einfach nicht. Um das wirklich zu erklären, müßte zunächst einmal genau festgestellt werden, was Angst überhaupt ist und dann auch noch, wie diese menschliche Erscheinung bei unterschiedlichen Menschen­typen auftritt. Das würde ein ganzes Buch füllen. Versuchen wir deshalb einmal eine kurze Erklärung, bei der freilich Verallgemeinerungen nicht auszuschließen sind:

Diese schlichte Antwort mit ernstem Gesicht und scheuem Augenaufschlag leise gegeben, zeigt dem ergriffenen Zuhörer, daß dieser kühne Weltumsegler zwar ein ganz normaler Mensch ist - aber doch ein Held, der angesichts dreuender Gefahren mit schlotternden Knien und jagendem Puls immer noch entschlossen gehandelt hat.

Ich habe mich im Krieg mit klappernden Zähnen heulend in ein Loch verkrochen, als ich während eines Urlaubs unter einen amerikanischen Bombenteppich geriet. - Und ich habe eiskalt eine Granate nach der anderen ins Rohr geschoben und geschossen, ohne eigentlich zu merken, was ich da tat. Diese so unterschiedlicher. Reaktionen erkläre ich mir heute so: Im einen Fall hatte ich nichts zu tun und als Urlauber ging mich das ganze ja gar nichts an.

Im anderen Fall aber verdrängte der Krach und eingedrilltes Handeln einfach jedes Denken.

Wenn man die ewig lauernde Aufmerksamkeit auf See hinzurechnet, die einen selbst im Schlaf nie verläßt, und den Kloß, der im Halse hochsteigt, wenn einem bei forschem Einlaufen in eine enge Riffdurchfahrt plötzlich bewußt wird, daß die Durchfahrt wirklich eng und mit unsichtbaren Gefahren gespickt ist, dann haben wir oft Angst gehabt. Aber ist das wirklich schon Angst, dieses lähmende Gefühl, das man heldenhaft niederkämpfen muß? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, so sagt man, und wäre er es nicht, dann wäre er wohl schon ausgestorben.

Wir möchten diese Frage mit einer Gegenfrage beantworten:

Haben Sie Angst beim Autofahren? Fürchtet sich der Bergmann unten vor Ort? Der Pilot in seiner Maschine? Der Schornsteinfeger hoch oben auf einem Kamin? Der Spreng­meister beim Umgang mit Dynamit? Der Löwenbändiger bei seiner Arbeit? - Sie alle können mit ihren Tätigkeiten

in Frieden alt werden, weil sie wissen, was sie da tun. Was aber würde ein Pilot in der Grube empfinden? Der Löwenbändiger auf dem Kamin? Der Schornsteinfeger beim Umgang mit Löwen?

Mancher fährt routiniert Auto - und hat doch Angst vorm Fliegen, denn da begibt er sich in eine Situation, die er als gefährlich empfindet. Dabei ist die Maschine technisch wahrscheinlich sicherer als sein Auto und die Besatzung beherrscht das Fliegen vielleicht besser als er je Autofahren gelernt hat.

"Du mußt die See kennen und wissen, daß Du sie kennst und, daß sie dazu da ist, über sie hinüber wegzusegeln." schrieb Yoshua Slocum schon vor fast hundert Jahren.

Und ein Sahara-Durchquerer antwortete auf die Frage nach der Angst: "Wer da Angst hat, muß eben in den Schwarzwald fahren!"

Und da kann er in eine Schlucht fallen.

Haben Sie davor keine Angst?